„Wer Wertschätzung fordert, muss sie auch selbst geben“

 

Sie arbeitet seit 33 Jahren als MFA, seit 22 Jahren in einer MEDI-Facharztpraxis für Psychiatrie und Psychotherapie in Herrenberg. Petra Schäfer ist Praxismanagerin und moderiert regelmäßig die Qualitätszirkel bei MEDI. Die 56-Jährige ist eine selbstbewusste und eloquente MFA. Sie weiß, wie man sich durchsetzt und wie man Wertschätzung von Patientinnen und Patienten, aber auch von Ärztinnen und Ärzten erhält.

MEDI: Viele betiteln den MFA-Beruf immer noch als Helferin oder Sprechstundengehilfin. Erleben Sie das auch?

Schäfer: Ich habe erst kürzlich eine sehr respektlose Mail von einer Patientin erhalten. Ich hatte sie wegen mehrfacher Terminversäumnisse angeschrieben. Daraufhin schrieb sie mir zurück, dass sie nicht mit der Sprechstundenhilfe kommunizieren will, sondern mit dem Arzt. Ich habe mich nicht abwimmeln lassen, sondern die Kommunikation bewusst weitergeführt und als Praxismanagerin unterschrieben. Aber das erlebe ich immer wieder, dass Patienten bei uns MFA Rabatz machen und sich dann bei den Ärzten wie die Lämmer benehmen.

MEDI: Was sagt Ihr Chef dazu?

Schäfer: Unser Chef steht voll und ganz hinter uns. Und genau das ist ein ganz wichtiger Punkt: Patienten spüren, ob sich die Ärzte gegenüber ihren MFA wertschätzend benehmen und übernehmen das Verhalten. Unsere Ärzte binden uns auch gegenüber den Patienten ganz bewusst mit ein und demonstrieren ihnen damit, wie wichtig wir sind. Unsere angestellte Ärztin betitelt uns sogar als Kolleginnen. Wenn es wirklich mal ernst wird, können wir uns auf unseren Chef absolut verlassen. Dann kommt er auch schon mal nach vorne und klärt Konflikte direkt mit den Patienten.

MEDI: Kommen solche Konflikte häufiger vor?

Schäfer: Uns betrifft es zum Glück nicht so oft. Wir haben sehr viele langjährige Patienten, über die wir viel wissen und um die wir uns auch intensiv kümmern. Sie erkennen an, was wir alles leisten. Wir haben auch die Zeit, mal zehn Minuten mit unseren Patienten zu sprechen und sind wichtige Ansprechpartner für sie. Wir sind also sehr nah dran und haben in die Patientenbeziehung investiert. Das wird auch von unserem Chef so vorgelebt. Schwierig wird es manchmal durch die psychiatrischen Erkrankungen unserer Patienten, wenn sie beispielsweise Termine verschwitzen.

MEDI: MFA ist ein sehr vielseitiger und anspruchsvoller Job. Was kann man selber tun, damit man die entsprechende Wertschätzung seitens der Patientinnen und Patienten erhält?

Schäfer: Wer Wertschätzung fordert, muss vor allem auch selber Wertschätzung geben. In der Praxis bedeutet das: Patienten in Empfang nehmen, beachten und nicht rumstehen lassen – auch wenn das Telefon gerade klingelt. Für mich hat immer die Person Vorrang, die mir gerade gegenübersteht. Und: Es ist ganz wichtig, dass das Praxisteam wertschätzend miteinander umgeht. Das ist das A und O. Dann haben auch die Patienten Respekt. Und wenn nicht, dann macht es einem auch nicht so viel aus, wenn man sein Team hinter sich hat.

Aber auch MFA müssen ihre Bedürfnisse stärker einfordern, auch mal Nein sagen. Ich wundere mich manchmal sehr über die Aufopferungs- und Leidensfähigkeit von MFA.

MEDI: Was können Chefs noch tun, um MFA Wertschätzung entgegenzubringen und gute MFA zu halten?

Schäfer: Ich arbeite seit 22 Jahren in der Praxis. Mein Chef und ich schätzen uns gegenseitig sehr. Das zeigt sich nicht nur im respektvollen Miteinander, sondern auch in der Bezahlung. Ich habe sogar seit 16 Jahren einen Dienstwagen. Auch eine adäquate Bezahlung ist notwendig – das sollte auch schon bei der Vergütung bei Honorarverhandlungen mit eingepreist werden. Dass MFA beispielsweise keinen Coronabonus bekommen, das zeigt die Wertschätzung unserer Gesellschaft. Und es prägt das Berufsbild der MFA, dass ihre Arbeit es nicht wert ist. Wenn MFA mehr partizipieren, haben am Ende alle mehr davon.

Tanja Reiners